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kugelschreiber


„Die Menschen werden vor
Angst vergehen in der
Erwartung der Dinge, die
über die Erde kommen;
denn die Kräfte des
Himmels werden
erschüttert werden.“

Lukas 21,26

Martin Grobauer
1.) ITER ANIMI

2.) EXCIDIUM IMPERATOREM AD PLENITUDO PROPHETIA

(Gesamter Text als PDF)




Auszug aus ITER ANIMI

Tief ins Dunkel späth’ ich lange,
zweifelnd, wieder seltsam bange,
Träume träumend,
wie kein sterblich Hirn
sie träumte je vorher,
doch die Stille gab kein Zeichen,
nur ein Wort ließ hin sie streichen ...

Der Rabe, Edgar Allan Poe

1.) Iter Animi

Spät am Abend war es, als ich nach Hause kam. Ich saß mit einigen Freunden bei einer Flasche Wein zusammen. Doch Mitternacht rückte näher. Es war der Abend des 31.10., die Nacht vor Allerheiligen. Am Morgen wollte ich das Hochamt zu Allerheiligen besuchen, weshalb ich mich auch auf den Weg nach Hause machte. Es war eine dunkle Nacht. Kein Stern war am Himmel zu sehen und ein dichter Nebel zog auf.
Bevor ich zu Bett ging, beschloss ich, noch einige Seiten zu lesen. Doch schon bald war ich so müde, dass ich mich zu Bett begab, den Wecker stellte und bald danach einschlief. Ich hatte einen unruhigen Schlaf, wie so oft in letzter Zeit.
Um 06:30 Uhr klingelte der Wecker lautstark und ich stand, immer noch sehr müde, auf. Nach dem Frühstück zog ich mir meinen Anzug für die Allerheiligenmesse an. Als ich mich angekleidet hatte, ging ich zur Tür. An diesem Morgen war ich noch nicht an der Tür gewesen, nicht einmal die Zeitung hatte ich geholt.
Doch als ich hinaustrat, sah ich, dass das, was sich vor meiner Tür befand alles andere war, als mein Garten! Vor der Tür befand sich eine weite Wiese, die in einiger Entfernung von einem Wald begrenzt wurde.
Von diesem Schock musste ich mich zunächst erholen. Wo einst mein wohlgepflegter Garten war, befand sich eine Wiese und von der Nachbarschaft war auch keine Spur!
Nun entdeckte ich, etwas entfernt von mir einen Mann, der auf der Wiese umherging. Er ging äußerst gebückt und blieb von Zeit zu Zeit stehen, als ob er die Pflanzen studieren und in Augenschein nehmen würde. Ich ging auf ihn zu, um ihn um Auskunft über meinen verlorenen Garten zu bitten.
„Guten Morgen!“, begann ich die Konversation, als ich an ihn herantrat. „Morgen!“ versetzte er. Darauf fragte ich: „Könnten Sie mir freundlicherweise mitteilen, was aus meinem Garten geworden ist? Er war hier einmal, doch nun sieht alles vollkommen anders aus. Wo bin ich überhaupt?“ „Woher soll ich denn das Wissen!? Es ist mir auch vollkommen gleichgültig!“. Nachdem er mir diese unverschämte Antwort gegeben hatte beschloss ich, wieder zu gehen. Mag die Sache noch so verwirrend sein, so etwas muss man sich nicht bieten lassen. Außerdem wollte ich ohnehin zu Messe. Ich war keine fünfzig Meter von ihm entfernt, als ich auf einmal seltsame Rufe vom Waldrand hörte.
Vom Waldrand liefen zwei seltsame Gestalten auf den Mann zu, doch ich konnte nicht erkennen, wer oder was es waren. Was ich jedoch erkennen konnte war, dass diese Gestalten, als sie ihn erreichten schwertähnliche Gegenstände hervorzogen und ihm damit den Schädel einschlugen. Sein lebloser Körper stürzte zu Boden und diese Bestien fielen darüber her und zerfleischten ihn.
Als ich das sah, konnte ich nicht mehr an mich halten. Ich begann einen entsetzten Schrei auszustoßen und in Richtung Wald zu laufen. Ich wäre zum Haus zurückgelaufen, doch als ich mich umgewandt hatte, war von meinem Heim nichts mehr zu sehen. Dies war mir in diesem Moment jedoch egal, ich wollte nur noch weg. Weg von diesem schrecklichen Ort. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich konnte es noch gar nicht begreifen. Der Mann war zwar unverschämt gewesen, doch das ist kein Grund, um jemanden zu Enthaupten und anschließend mit seinen Zähnen zu zerreißen. Als ich ein weites Stück in den Wald gelaufen war, machte ich an einem Baum rast. Ich hatte mich wieder halbwegs beruhigt. Nach einer kurzen Rast ging ich weiter. Der Wald wurde immer dichter und dunkler. Obwohl vorher auf der Wiese noch die Sonne gestrahlt hatte, war es nun sehr düster im Wald. Nach einiger Zeit kam ich an einen Weg. Da ich nicht wusste, wo ich war und in welche Richtung ich gehen sollte, suchte ich mir eine Richtung aus und folgte dem Weg. Lange Zeit geschah nichts besonderes. Doch dann sah ich in weiter Entfernung vor mir auf dem Weg einen Menschen gehen. Er war noch weit entfernt, aber langsam holte ich ihn ein. Der Wald begann sich zu lichten und die Gegend wurde freundlicher. Ich hatte den Menschen beinahe eingeholt, als der Wald endete. Vor mir sah ich eine weite Ebene, auf der vereinzelte Bäume standen. Die Ebene war von Bächen und Flüssen durchzogen und am Horizont sah ich weit entfernte Berge. Nun hatte ich den Menschen, der vor mir gegangen war, eingeholt. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es war niemand anderes, als mein bester Freund! Mit ihm saß ich am Vorabend noch zusammen und nun ist er hier in dieser seltsamen Situation. Ich begrüßte ihn herzlich und auf die Frage, was er denn hier tue, antwortete er: „Ich gehe den Weg, so wie du auch“. Verblüfft über diese Antwort fragte ich weiter: „Aber wohin führt dieser Weg?“. Worauf er sagte: „Niemand kann sagen wohin der Weg führt, denn der Weg führt ins Ungewisse. Doch kann ich dir sagen was der Weg ist. Er ist das Leben“.
Ich konnte all das nicht Glauben. Es war zu seltsam. Ich sagte zu ihm: „Das kann alles nicht wahr sein, es muss ein Traum sein! Vorher sah ich, wie zwei Bestien einen Menschen zerissen und jetzt treffe ich dich! Hier, in dieser Gegend, in der ich nie zuvor war!“ „Denkst du das Leben sei ein Traum? Sicher nicht! Und dies hier ist auch kein Traum, es ist der Weg, das Leben.“ „Aber wo bin ich?“ fragte ich verzweifelt. „Weißt du das denn nicht?“ fragte er mich erstaunt. „Nein, ich weiß es nicht.“ während ich ihm das zu Antwort gab, schlug ich die Augen zu Boden. Als ich wieder aufblickte, war er verschwunden. Er war verschwunden. Mein bester Freund, dem ich über alles vertraute, war auf einmal verschwunden!
In einem Busch neben dem Weg saß eine große Krähe. Als ich das verschwinden meines Freundes bemerkt hatte, rief sie laut: „Mancher Freund verließ dich früher schon ohn’ Wiederkehr, er hat dich Verlassen, wie dein Glück – ohn’ Wiederkehr!“ Bevor ich irgendetwas sagen konnte, war sie weggeflogen. Hier stand ich nun, allein.

[...]





Auzug aus EXCIDIUM IMPERATOREM AD PLENITUDO PROPHETIA

„Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt,
und jetzt sind viele Antichriste gekommen.
Daran erkennen wir,
dass es die letzte Stunde ist.“ – 1 Joh 2,18

„Das ist der Geist des Antichrists,
über den ihr gehört habt, dass er kommt.
Jetzt ist er schon in der Welt.“
– 1 Joh 4,3

2.) Excidium imperatorem

Ad

Plenitudo prophetia

I.

Ich erinnere mich daran, als ob es Gestern gewesen wäre. Wir befanden uns im Petersdom in Rom. Der Papst zelebrierte die Ostermesse und die gesamte römische Kurie war zugegen. Auf einem Thron am Rand saß der Kaiser des heiligen römischen Reiches mit dem Hofstaat und vielen Königen und Kanzlern. Die Kirche erstrahlte in hellem Glanz, großer Macht und Herrlichkeit. Als man das Credo zu Ende gebetet hatte, und es im Dom ganz still war, warf jemand die mächtigen Tore der Kirche auf und Schritt mit schwerem Schritt auf den Hauptaltar zu. Er war in einen langen schwarzen Mantel gehüllt, der ihm bis zu den Knöcheln reichte und eine Kapuze bedeckte sein Haupt. Vor dem Altar hielt er inne. Er stand nun im Mittelgang und aller Augen waren auf ihn gerichtet. Mit einer langsamen Bewegung hob er seine linke Hand und nahm die Kapuze vom Haupt. Darunter verbarg sich ein junger Mann von etwa 30 Jahren. Er hatte ein fahles, bleiches Gesicht, dunkle, kurze Haare, einen leichten Bart und tiefe Augen, in denen viel Dunkelheit und Kälte lagen. Zunächst glitt sein Blick zum Altar und dem sich darauf befindlichen Kreuz. Dann heftete er seinen durchdringenden Blick auf den Pontifex und fing laut schallend zu lachen an. Dies war ein kaltes, herzloses und bedrohliches Lachen. Es ging durch Mark und Bein. Eine gewisse Düsterheit machte sich nun im gesamten Kirchenraum breit, und die Herrlichkeit schien zu verblassen. Sein lachen ließ dunkle Schatten über die Gesichter der Menschen ziehen. Noch bevor ein anderer seine Stimme erhoben hatte, fing er zu sprechen an. Er blickte noch immer den Papst an und sagte zu diesem mit lauter Stimme, dass das Ende der Herrschaft der Kirche gekommen sei. Denn er werde den Menschen eine neue Weltordnung bringen, ohne althergebrachte Hierarchie und Unterdrückung. „Noch bevor ein halbes Jahr verstrichen ist, liegt all das, was sich Kirche nennt, in Trümmern!“, so schloss er seine Ankündigung.
Während er dies gesprochen hatte, war der Kaiser immer unruhiger geworden, doch nun erhob er sich. Er fragte den Fremden mit gebieterischer Stimme, wer er sei und wie er es wagen könne, solche Worte an den Papst zu richten. Daraufhin erwiderte der Fremde: „Ich bin ein Prophet. Gesendet vom wahren, einzigen Gott. Den Menschen werde ich ein neues Reich verkünden, das Reich Gottes auf Erden. Auch euer Reich, kaiserliche Majestät, wird zerschlagen werden, denn mir wurde vom Allmächtigen große Macht verliehen!“. Der Kaiser befahl seinen Wachen, ihn sofort in Haft zu nehmen, doch als sie dies versuchten, lachte der Fremde laut, schwang seinen Mantel und war verschwunden. Wie ein Schatten war er hinweg.
Sofort geriet die ganze Kathedrale in Aufruhr. Man brach die Messe ab und der Papst mit der Kurie und der Kaiser mit dem Hofstaat, zogen sich eiligst zu Beratungen zurück. Dieser Vorfall sollte geheim gehalten werden, doch schon bald sprach es sich im gesamten Reich herum.

Der Kaiser und der Papst nahmen den Vorfall sehr ernst. War es doch noch keine dreieinhalb Jahre her, seit sie das Kaiserreich gegründet hatten.

[...]

© Text: Martin Grobauer