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kugelschreiber



LEBENSWEG

»Geboren im November 1951 absolvierte ich nach dem Besuch der Höheren Schule eine Ausbildung zur Werbegrafikerin. Stärker als der kreative Bereich interessierte mich aber die Psychologie, so dass ich ab 1972 im psychologischen Bereich tätig war.

Durch diese Tätigkeit lernte ich die unterschiedlichsten Menschen kennen, deren Biografien, Probleme und Absonderlichkeiten meine Fantasie anregten.

2004 erkrankte ich an einem Krebsleiden. Seither bin ich auf Sonden- nahrung angewiesen, kann meine Berufstätigkeit nicht mehr ausüben und habe dadurch sehr viel Zeit zum Lesen und Schreiben, was mich schon immer begeistert hat.

Spontan beschloß ich also, nun meiner Fantasie freien Lauf zu lassen und die über lange Zeit gewonnenen Eindrücke zu nutzen, um einen etwas anderen Krimi zu schreiben.

Es ist eine spannende Geschichte daraus geworden. Beklemmend und faszinierend. Die Geschichte einer schönen Frau, inmitten ihrer vermeintlich sicheren und heilen Welt.







Gabriele Jaeger
Carla

Zunächst liebte sie das Baby sehr. Louis war niedlich, rund und weich. Sie streichelte gerne seine zarte, leicht gebräunte Haut, berührte vorsichtig seine winzigen Zehen und den kleinen Penis, wenn er nackt auf seiner Decke im Gras lag, bürstete sanft seine flaumigen Härchen und war hingerissen, wenn er mit seine kleinen Fäusten ihren Finger umschloß und sie dabei anlächelte. Sie fuhr ihn im Kinderwagen spazieren und schleppte ihn auch später, als er bereits gehen konnte,  begeistert mit sich herum.

Am schönsten war es, ihn, wenn er schlief, mit ins Bett zu nehmen, den kleinen, warmen, zart atmenden Körper an sich zu drücken und zu spüren. Er war dann ganz still und willenlos, ließ alles mit sich geschehen wie eine lebendige Puppe. Sie hatte nie zuvor so zärtliche Gefühle gehabt.

Allein der Geruch nach Babypuder löste wonnige Schauer bei ihr aus, Empfindungen, die sie nicht einzuordnen wusste, die sie aber entzückten und die sie genoß. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen.

Ihre Eltern sahen dies mit großer Erleichterung, da sie bei ihrer verwöhnten Tochter Eifersucht und Rivalität befürchtet hatten.

Es hätte sehr harmonisch sein können, doch die Idylle änderte sich rasch, als Louis dem Babyalter entwuchs und ein entzückend aussehender Junge wurde, der bereits im zartesten Alter in die Fußstapfen seines Schauspielergroßvaters trat, dem – und auch der Mutter – er auffallend glich.

Die Gene des Vaters, Ludwig Aigner, eines eher unattraktiven, aber reizenden, höflichen und umgänglichen Mannes, hatte er nicht geerbt, denn im Gegensatz zu diesem war der Kleine rücksichtslos, böse und grob und besaß nur geringes Einfühlungsvermögen, was er durch Lügen, Schmeicheleien, wohleingesetzte Zärtlichkeiten und schauspielern zu tarnen wusste.

Carlas Gefühle änderten sich jäh ob dieser Entwicklung. Selbst egozentrisch, verwöhnt und gewohnt ihren Willen zu bekommen und an erster Stelle zu stehen, musste sie sich nun dem Jüngeren gegenüber behaupten und sich erstmals in ihrem Leben um die Zuneigung anderer bemühen. Sie war wütend auf Louis, der sie zwang mit ihm zu konkurrieren. Sie wusste, dass ihre Eltern sie zwar bisher zärtlich liebten, aber für ihren Bruder zumindest die selben Gefühle hegten. Sie wollte weiterhin die Erste, die Besondere sein und dies galt es jetzt ständig zu beweisen.

Trotz ihrer gelegentlichen Zornanfälle und spontanen verbalen Reaktionen umgab sie eine eher kühle Ausstrahlung. Sie hatte nicht dieses sprühende Temperament, die Vitalität und das intrigante, schmeichlerisch umgarnende Wesen ihres Bruders. Ihr Charme war subtiler, geheimnisvoller und delikater, kam erst in intimeren Begegnungen mit Menschen zur Entfaltung. Dies musste sie kompensieren, indem sie ihre anderen Talente hervorhob.

Carla erkannte dies alles mit einer Klarheit, die weit über ihre zehn Jahre hinausging und beschloß, sich entsprechend zu verhalten. Sie würde alles tun, um ihren Eltern zu gefallen und von ihnen geliebt zu werden. Um nicht von ihrem Bruder hintangestellt zu werden, mußte sie eine Rolle spielen. Die Rolle der lieben Tocher und verständnisvollen Schwester.

* * *

Der kleine Junge spielte mit etwa einem Dutzend weiterer Kinder in dem Plastikcontainer der Spielecke des Möbelhauses, der mit Bällen gefüllt war und eine Rutsche besaß.
Die Kunden konnten dort ihre Kleinen unter der Aufsicht einer jungen Frau parken und hatten so Zeit und Muße zum Einkaufen. Momentan war die Aufsichtsperson, die in einem Buch las, die einzige Erwachsene, die Carla in der Spielecke sehen konnte.
Sie würde es also leicht haben.

Eilig ging Carla zu den Kindern in das Gehäuse, rief laut: “Hallo Tobi, da bist du ja, wir müssen schnell gehen, Papa wartet schon im Auto“, schnappte sich das völlig überraschte Kind, nahm es auf den Arm und lief schnell zum Ausgang, wobei sie nicht vergaß, der jungen Frau noch ein Danke zuzurufen, die nur kurz aufgeschaut hatte und sich bereits wieder ihrem Buch zuwandte.
Kaum aus dem Haus wehrte sich der Junge unwillig und wollte heruntergelassen werden. „Ich heiße gar nicht Tobi, wer bist denn du? Laß mich los, ich will zu meiner Mama“ jammerte er lautstark, während Carla es mit Mühe schaffte ihn zum Parkplatz zu bugsieren. Quengelnde Kinder schienen normal zu sein, denn offenbar kam keinem der Menschen, denen sie auf dem Parkplatz oder am Eingang des Möbelhauses begegneten, die Situation ungewöhnlich vor. Es war Samstag und alle hatten es eilig und waren mit ihren Einkäufen beschäftigt.

„Entschuldige, ich habe wirklich geglaubt du wärst Tobi. Wie schade, ich habe ihm nämlich etwas Schönes mitgebracht. Sieh mal.“ Sie holte Schokolade und Kekse aus der Tasche. „Möchtest du etwas haben?“ Das Kind vergaß augenblicklich seinen ersten Schreck und als Carla es anlächele und ihm sanft über die Wange strich, war es auch schon wieder getröstet und obenauf. „Kann ich es wirklich nehmen? Willst du es nicht aufheben, bis du Tobi gefunden hast?“
„Nein, iß es nur. Tobi bekommt dann neue Süßigkeiten“, Carla wickelte eine Schokostange aus und der Junge zögerte keine Sekunde, sie in den Mund zu stecken.
„Schau, ich habe ihm noch etwas gekauft, willst du mal sehen? Simsalabim“ wie ein Zauberer das Kaninchen zog Carla mit großer Geste das Stoffhündchen aus der Tasche.

Verblüfft und entzückt rief der Junge: “Das ist ja Kommissar Rex. Den kenne ich. Der ist aber schön, kriege ich den auch?“
Carla hatte es geschafft, mit ihm bis zu ihrem Auto zu kommen. Nur noch ein paar Minuten und sie konnte den Kleinen mitnehmen. „Sicher kriegst du ihn. Aber ich habe noch eine viel größere Überraschung. Wir müssen nur ein Stückchen fahren, dann zeig ich sie dir. Fährst du gerne Auto?“
„Ja klar, ist das deines? Es ist ein BMW-Auto. Papa hat auch einen BMW, aber anders als deiner.“ Der Junge ließ sich leicht ablenken, stieg eifrig ein und plapperte munter weiter.
Das Möbelhaus lag an der Peripherie der Stadt, nahe an einem Waldstück. Dorthin fuhr Carla jetzt.
Der Wagen gehörte ihrer Werkstatt und stand ihr zur Verfügung, da ihr eigener bei der Inspektion war. Carla nahm diesen Zufall als gutes Zeichen. Trotzdem war es ein Risiko, das sie eigentlich nicht eingeplant hatte.
Der Waldweg endete an einer kleinen Lichtung. Es war ganz still und dämmrig. Dunkle Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, ein leichter Wind ging und es sah nach Regen aus.
Carla stieg mit klopfendem Herzen und weichen Knien aus. Die Nähe des Kindes, die Intimität in dem engen Wagen und die Vorfreude auf das, was nun kommen würde machten sie schwindelig. Auch das Kind kletterte aus dem Auto. „Wo ist denn jetzt die Überraschung? Ist es wirklich hier?“
„Ja es ist hier, aber du musst erst die Augen zumachen und mich ganz fest drücken, sonst wirkt der Zauber nicht. Komm her, so, siehst du?“
Carla ging in die Hocke, legte die Arme um das Kind und zog es an sich. Brav erwiderte der Junge die Umarmung und murmelte, sein Gesicht ganz nah an ihrem, mit geschlossenen Augen: „Ist es so richtig?“
Carla roch die Schokolade in seinem Atem, spürte die weichen runden Ärmchen und ihre Hände schlossen sich behutsam um seinen Hals. Sie hörte ihr eigenes Herz schlagen und den Rhythmus ihres Atems. Und da war es, das Geräusch. Das leise Knirschen, das kleine Knacken und die süße Schlaffheit des Kinderkörpers. Ihre Knie und Arme, ihr ganzer Körper begannen zu zittern. Ja, das war es. Nichts konnte vollkommener sein als diese Lust, dieses Glück, wie sie es nun empfand.

Sie ließ sich Zeit dieses Mal. Gab sich ganz ihren Gefühlen hin und kostete sie aus. Streichelte den warmen kleinen Körper, das pausbäckige zarte Gesichtchen und küsste den schokoladeverschmierten Mund. Sie war voll Liebe für die zierliche Gestalt, die still und mit weit geöffneten Augen auf dem moosbewachsenen Boden lag. Intensiv und neugierig schaute Carla in seine blauen Augen. Sie konnte keinen Schrecken darin erkennen. Überraschung, Staunen, Verwunderung, das ja, aber nicht die geringste Spur von Angst.

Die ersten Regentropfen fielen auf den Boden und auf das Gesicht des Kleinen, der aussah als würde er weinen. Carla kam in die Realität zurück. Sie musste weg, bevor der Weg sich in Matsch verwandelte. Ohne noch einen Blick auf die Leiche zu werfen – sie war nicht nekrophil – stieg sie in den Wagen und fuhr rasch, im immer heftiger prasselnden Regen, zurück in die belebte Innenstadt. Verschwitzt und atemlos rannte Carla ins Haus, schlug heftig die Tür zu und blieb im Flur stehen um zu Atem zu kommen. Bei der Laufrunde im Wald hatte sie wieder das Gefühl gehabt verfolgt und beobachtet zu werden. Es war schon recht dunkel und weit und breit niemand zu sehen gewesen. Carla hörte das Knacken von trockenen Zweigen und glaubte Atemzüge zu hören. Sie lief so schnell sie konnte. Die Angst hatte sie ergriffen und jede Sekunde fürchtete sie von hinten gepackt zu werden. Zuhause angekommen zitterten ihre Beine und sie war schweißgebadet.

Carla schaute durch eines der Fenster der großen Diele in die Dämmerung hinaus, aber da war niemand.
Hatte die Fantasie ihr einen Streich gespielt?

Erst als sie langsam ruhiger wurde und ihr Atem wieder normaler ging, sah sie Falk im Durchgang zu seinem Arbeitszimmer stehen. Er stand da, lässig an den Türrahmen gelehnt und beobachtete sie mit einem mokanten Grinsen, das sie ärgerte.

„Heute hast du dich aber ganz schön verausgabt, so wie du schnaufst und schwitzt. Du bist hier hereingerannt als wärst du auf der Flucht. Hat dich etwa der schwarze Mann verfolgt?“

„Für einen Moment habe ich wirklich geglaubt, dass mich jemand verfolgt, findest du das so lustig?“

„Natürlich nicht, Carla, sei nicht so empfindlich. Es sollte ein Spaß sein. Ich will dir auch nur mitteilen, dass eine Dame von der Polizei dich sprechen wollte und um deinen Rückruf gebeten hat“

Carla erstarrte. Ein Schwindelgefühl befiel sie und einen Augenblick lang fürchtete sie umzufallen. Aber sie war sich der genau beobachtenden und prüfenden Blicke Falks bewusst und konzentrierte sich darauf, so unbefangen wie möglich zu wirken.

„So, habe ich die Geschwindigkeit übertreten oder vielleicht sogar einen Parkfrevel begangen?“

Falks Grinsen wurde breiter. Ohne sie aus den Augen zu lassen antwortete er:
„Wahrscheinlicher ist, dass du einen Mord begangen hast, Carla, es war die Sonderkommission der Kriminalpolizei.“
Zur gleichen Zeit saß Elke Baumann an ihrem schäbigen Schreibtisch im Kommissariat und knabberte lustlos an einem Knäckebrot ohne Butter, aus dem ihr Frühstück heute bestand. sie hatte vor zwei Monaten das Rauchen aufgegeben, sofort vier Kilo zugenommen und versuchte diese jetzt wieder loszuwerden.
Der trostlose Raum, in dem sie saß, deprimierte sie.
Aber auch der Blick durchs Fenster in den freundlichen Wintermorgen konnte sie nicht wirklich aufmuntern.

Seit sie die Leitung der Soko „Boy“ übernommen hatte, waren sie und ihre Kollegen einer Unzahl von Spuren nachgegangen. Sie hatten Verdächtige observiert, manche kurzfristig festgenommen und wieder gehen lassen müssen und noch immer hatten sie keine konkrete Spur oder ein exaktes Bild der Mörderin.

Die Flut von Hinweisen aus der Bevölkerung hatte eher zu Irritationen geführt, da die Beschreibungen durch das ständig wechselnde Outfit der Gesuchten völlig unterschiedlich ausfielen und teilweise widersprüchlich waren. Dies hatte auch die Erstellung eines Phantombildes schwierig, nahezu unmöglich gemacht.
Sie kannten die Tatorte an denen die Person sich längere oder kürzere Zeit aufgehalten hatte, wußten, daß sie intelligent, anatomisch bewandert und kreativ sein mußte. Außerdem auch sympathisch und wahrscheinlich hübsch, da außer einem Knaben alle Kinder offenbar willig mitgegangen waren. Aller Wahrscheinlichkeit nach war die Frau durch eine einschneidende Erfahrung mit einem blonden blauäugigen Jungen traumatisiert worden. Seltsam war nur, dass die Kinder zwar gezielt, kurz und ohne zu zögern umgebracht, ihre Körper dann aber sorgsam und fast liebevoll versteckt und arrangiert wurden. Das Motiv blieb bei der offensichtlich gespaltenen Persönlichkeit weiterhin im Dunkeln.

Seit ihrem Gespräch mit Carla Aigner war die Journalistin ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Auch jetzt dachte Elke Baumann darüber nach, was ihr an der schönen jungen Frau nicht stimmig erschienen war und sie beunruhigte.

Carla Aigner war freundlich gewesen. Sie schien offen und hilfsbereit zu sein und wirkte natürlich. Vielleicht etwas zu natürlich, um echt zu sein. Vielleicht auch ein wenig gekünstelt und nervös. Aber das mochte an der ungewohnten Situation liegen. Elke hatte Carlas Foto an der Seite Falk von Hohburgs schon des öfteren auf der „Event“-Seite ihrerer Hochglanzmagazine gesehen und wußte, daß dieses Parkett ihr vertrauter war als das nüchterne Polizeirevier.
Carla hatte Größe und Statur der Phantomfrau. Sie war hübsch und sympathisch und sie war wie diese am Tag des letzten Mordes in Dortmund gewesen.

Elke Baumann war sich bewusst, daß dies sehr wenig Fakten waren und sie einen Schuß ins Blaue abgab. Aber der vage Verdacht und irgendetwas in den Augen der fremden Frau ließen sie nicht los.
Sie würde am Nachmittag nach Bogenhausen fahren, diesmal ohne Voranmeldung, um nochmals mit Carla Aigner zu sprechen. Es war alles besser, als hier herumzusitzen und sich erfolglos das Hirn zu zerbrechen.

Falk, der sich seit dem frühen Morgen im Atelier aufgehalten, jetzt aber keine rechte Lust mehr zum Arbeiten hatte, öffnete selbst die Tür, als Elke Baumann gegen 16 Uhr klingelte. Auch unrasiert, in alten Cordhosen und Rollkragenpullover wirkte er auf die Kommissarin ungeheuer attraktiv und männlich. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als Falk wie immer beim Kontakt mit Damen seinen Charme spielen ließ, sie höflich hereinbat und ihr aus dem Mantel half.

„Ich will Sie nicht lange aufhalten, Herr von Hohburg. Wie Sie sicherlich wissen habe ich schon einmal mit Frau Aigner gesprochen. Jetzt habe ich noch einige zusätzliche Fragen an sie.“

„Das tut mir leid, Carla ist heute morgen nach Stuttgart gefahren um ihren kranken Vater zu besuchen. Ich erwarte sie erst am Sonntag wieder zurück.“

„Das ist schlecht, die Sache ist mir sehr wichtig. Vielleicht können sie mir sagen, wie ich Frau Aigner erreichen kann. Außerdem möchte ich auch Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“

Falks einschmeichelnde Lockerheit war mit einem Schlag verschwunden. Urplötzlich wirkte er arrogant und reserviert und seine Stimme bekam einen eisigen Tonfall.

„Ich glaube nicht, dass ich Ihnen in irgendeiner Weise weiterhelfen kann, Frau Baumann. Ich werde aber sofort versuchen, Carla auf dem Handy zu erreichen oder ihr eine Nachricht im Hotel hinterlassen, sich zu melden.“

Falk, der geglaubt hatte, nun die Kommissarin loszuwerden, hatte nicht mit deren Zähigkeit und Ausdauer gerechnet. Elke Baumann machte nicht die geringsten Anstalten, sich zu erheben.
„Sehr freundlich von Ihnen. Wenn es Ihnen recht ist, werde ich solange hier warten.“

Falk hatte Elke Baumann in die Bibliothek geführt. Da saß sie in einem tiefen bequemen Ledersessel und besah sich den Raum, während Falk zum Telefon gegriffen hatte. Es war ein behaglicher warmer Raum. In dem großen Kamin brannte ein Feuer, die dunkel getäfelten Wände waren mit Büchern und alten Drucken mit Jagdszenen fast völlig bedeckt. Verschiedene Sessel und Sofas mit vielen Kissen hatten ihren Platz auf den kostbaren dicken Teppichen und ein runder Bartisch, der üppig bestückt war, stand gleich neben ihr. Die Umgebung atmete Reichtum und Gediegenheit aus und passte perfekt zu Menschen wie Falk und Carla.
Die Kommissarin kam sich auf einmal ziemlich lächerlich vor und nahm sich schon vor, schnell wieder zu verschwinden, als sie Falks Gesichtsausdruck sah.

„Es tut mir leid, ich kann Carla nicht erreichen. Ihr Handy ist ausgeschaltet. Das tut sie normalerweise nie. Ich werde jetzt im Hotel anrufen.“
Elke Baumann war hellwach. Konzentriert sah sie auf Falk und hörte mit, als die Rezeption des Steigenberger-Hotels Falk versicherte, Frau Carla Aigner habe weder reserviert noch bei Ihnen eingecheckt.

* * *

Carla saß im Freitagnachmittagszug Richtung München-Salzburg am Fenster und schaute hinaus auf die schnell vorbeiziehende Landschaft. Der Zug war nicht sehr voll und sie hatte nur einen flüchtigen Blick auf die anderen Fahrgäste geworfen um festzustellen, daß sie uninteressant waren.

Das Wetter hatte sich wieder verschlechtert, die blasse Sonne und das zarte Blau des Himmels vom Vormittag sich geschlagen gegeben und tristes Grau die Oberhand gewonnen. Trotzdem trug Carla ihre Sonnenbrille und demonstrierte dadurch, daß sie an Kontakten nicht interessiert war und Distanz wünschte.

Ein älterer Herr sprach sie dennoch an und bot ihr Bonbons aus einer großen grünen, scharf nach Menthol riechenden Tüte an. Beleidigt zog dieser sich aber wieder zurück, als sie nach einem kühlen „Danke nein“ den Kopf wieder dem Fenster zuwandte und machte keine Versuche mehr, sie zu stören.

Der Zug fuhr schnell und relativ leise. Das nostalgische Geratter und Geschnaufe der alten Locks war unwiederbringlich vorbei. Carla empfand das Reisen mit der Bahn trotzdem als altmodisch und gemütlich. Sie fühlte sich sicher in dem etwas angeschmuddelten Abteil und entspannte sich.

Sie zweifelte keine Sekunde, daß Falk sie in der Zwischenzeit an die Polizei verraten würde, wenn er merkte, daß sie weg war. Aber er erwartete sie erst am Sonntag zurück, das gab ihr auf jeden Fall zwei Tage Vorsprung.

Carla hatte mit Peter gesprochen, bevor sie ihr Handy in einen Bahncontainer warf und den Zug bestieg. Es war alles für sie arrangiert, nichts konnte ihr noch passieren.
Bald würde sie in Südafrika sein.

Es war ein komisches Gefühl, alles hinter sich zu lassen um mit neuen Papieren und neuem Namen in einem völlig unbekannten und exotischen Land ein zweites Leben zu beginnen.

Ganz wohl fühlte sie sich noch nicht. Sie stellte sich Peter vor, die Sonne, die Wärme, die zu dieser Jahreszeit in Kapstadt herrschte, die Klinik, den neuen Bungalow und die gemeinsame Arbeit, die auf sie wartete und begann zaghaft sich zu freuen.

Beim Gedanken an das Waisenhaus, in dem sie tätig sein sollte, mit den vielen kleinen afrikanischen weißen und schwarzen Kindern wurde die Vorfreude allmählich noch intensiver und während Carla weiter in den tristen Tag hinausblickte, begann sie zu lächeln.


© Text: Gabriele Jaeger