Alle Personen dieser Geschichte
sind frei erdichtet.
Es ist sinnlos, Ähnlichkeiten
mit realen Menschen zu suchen.
Jede vollbrachte Handlung
hat ihr eigenes Schicksal,
dessen Vorhersage schwierig
ist. Die Vorhersage der
Folgen einer vollbrachten
Handlung ist eigentlich schon
eine recht undankbare Aufgabe.
Hans Braun wachte mit einem seltsamen Gefühl auf, entweder eines sich nähernden Unglücks oder irgendeiner Lebenswendung, die auch nichts Gutes bringen würde, sprang aus den Bett, küsste seine Frau Nina, spülte sein Gesicht ab und ging im Sportanzug zum Jogging hinaus. Einige Leute schwitzen in Fitness-Studios, um in guter Form zu sein, für Hans genügte es, nur zu joggen. Von Natur aus hatte er eine gute Figur. Obwohl er zwischen Bäumen und Wiesen joggte, hatte er dieses Mal aber keinen Spaß, seine Laune war wegen der Vorahnung schlecht.
Hans war ein weltberühmter Pornostar, doch beim Publikum war er als Roger Martin bekannt.
Gleich zu Beginn seiner glänzenden Karriere hatte ihm Udo Krämer, sein Freund, Regisseur und Produzent geraten: „Es ist blöde für einen Pornodarsteller, einen künftigen Star in diesem Gebiet, einen solchen Namen wie Hans Braun zu haben. Wäre es für dich nicht besser, einen amerikanischen Namen, beispielsweise, Jack O.K. zu verwenden?“
„Nein, nein“, erwiderte Hans, „mir ist etwas Französisches lieber, wie Roger Martin.“
Hans war frankophil. Er mochte alles Französische: Humor, Essen, Kleidung, Lebensart. Sein großer Traum war es, nach seiner Pensionierung in Paris zu leben, irgendwo am Montmartre, abends an den Ufern der Seine spazieren zu gehen und Notre Dame zu bewundern.
Außer Frankophilen gibt es auch Anglophile, Russophile, Spanofile u.s.w. Ich kannte einige Amerikaner, die sich einmal wöchentlich in der Kneipe „Krombacher“ in New York trafen, nur Deutsch sprachen und gleichnamiges deutsches Bier wie der Name der Kneipe tranken. Einer von ihnen versuchte, einen Artikel in der New York Times zu veröffentlichen, in welchem er behauptete, dass Raffael und Voltaire Deutsche gewesen seien, weil die Madonna von Raffael im Dresdener Zwinger hänge und weil er die Briefe von Voltaire an die russische Zarin Katharina II. auf Deutsch gelesen habe. Als die deutsche Fußballmannschaft die europäische Meisterschaft verloren hatte, gingen diese Amerikaner durch die Straßen, in Trauerkleidung und mit schwarzrotgoldenen Fahnen, die mit Trauerbändern geschmückt waren. Sehr heiß war es zu dieser Zeit in New York gewesen, und zwei von ihnen starben wegen der Hitze.
Hans war aber nicht nur ein Pornostar, er war auch ein guter Ehemann, zärtlich, sorgsam, treu. Trotz seiner harten Arbeit erfüllte er gerne seine eheliche Pflicht zweimal wöchentlich, an seinen freien Tagen.
Hans kam ins Pornostudio, wo Udo schon ungeduldig auf ihn wartete.
„Ich habe für dich ein wunderbares Drehbuch geschrieben und habe im Kopf noch viele andere. Jetzt gehst du nicht mehr zu anderen Regisseuren.“
Hans war nicht nur inzwischen als Liebhaber und Kenner der Pornoproduktion weltberühmt, er war auch ein sehr guter Filmschauspieler, so natürlich, zärtlich, leidenschaftlich, dass die Menschen, die die Filme sahen, sich nicht nur als Zuschauer fühlten, sondern sich mit ihm identifizieren konnten, und weltberühmte Regisseure luden ihn als Hauptdarsteller ein. Den größten Erfolg hatten Pornoversionen von Flauberts „Madame Bovary“ und „Der Idiot“ von Dostojewski. Die Regierung musste die Filme unzensiert freigeben mit der obligatorischen Fußnote ‚Nur ab 16 Jahren’.
„Es ist eine Geschichte über einen Playboy, etwas zwischen Byrons Child Harold und dem biblischen Jona“, erklärte Udo weiter. „Du, ein enttäuschter Playboy, hast die Nase voll vom leeren Leben in Los Angeles und fliehst nach Hawaii. Du sitzt einsam an der Küste und erinnerst dich an Frauen, die dich verfolgten. Jede Erinnerung wird mit verschiedenen und vielfältigen Pornoszenen begleitet. Irgendwo aus dem Ozean hörst du eine schöne Stimme, die ein populäres Lied singt. Mit deiner Jacht steuerst du rasch in Richtung dieser Stimme. Plötzlich erscheint ein Wal, der dich verschluckt. Im Walmagen, der dir als ein großer Palastsaal erschien, findest du eine schöne Frau, in die du dich vom ersten Anblick an verliebst. Es folgen originelle und leidenschaftliche Sexszenen. Im Walmagen treffen du und deine neue Geliebte drei weitere Frauen und zwei Männer, die der Wal schon früher verschluckt hatte. Sie erzählen euch, dass der Wal mit seiner schönen Stimme Menschen anlockt und dann verschlingt. Es kommt zum Gruppensex. Der Wal ist wütend und eifersüchtig geworden und spuckt dich aus. Aber du bist vom Gruppensex noch geil und mit deinem steifen Penis durchtrennst du die Stimmbänder des Wales, der für immer seine schöne Stimme verliert und damit die Begabung, Menschen anzulocken und zu verschlucken. Du sitzt wieder an der Küste und weinst, weil du von deinen neuen Freunden getrennt wurdest und entschließt dich, nach Norwegen oder nach Japan zu fliegen, wo die Waljagd trotz Green Peace Verbotaktionen noch erlaubt ist, um dich an dem Wal zu rächen. Die Geschichte ist schön, nicht wahr?“
„Sicher, sie ist schön. Aber unrealistisch. Wale können Menschen nicht schlucken, sie ernähren sich nur mit mikroskopisch kleinem Plankton“, antwortete Hans lächelnd.
„Schon gut, sei kein so strenger Kritiker. Übrigens, morgen fahren wir alle nach Berlin zur Sexmesse. Du musst da unbedingt sein, auf dich wartet eine schöne Überraschung. Leider darf ich dir nichts darüber sagen, ich habe geschworen zu schweigen. Fährst du mit Nina mit?“
„Nein, wir fahren alleine mit meinem Auto. Ich bin schlechtgelaunt, vielleicht beruhigt mich die Autofahrt.“
Hans erzählte Nina von seinem Vorhaben, aber sie sagte, dass sie nicht mitfahre, sie habe in dieser Zeit zu Hause viel zu tun.
Hans kam nach Berlin und bestellte sich Frühstück und Abendessen auf das Hotelzimmer, um mit niemanden zusammenzutreffen. Am nächsten Morgen wollte er einen Sportanzug anziehen und joggen, überlegte aber, dass das wohl lächerlich aussehen würde, wenn ein berühmter Pornostar auf den Strassen von Berlin joggte.
Er ging ins Badezimmer, rasierte sich und wollte gerade Aftershave auf sein Gesicht auftragen. Er guckte den Spiegel noch einmal an. Aus dem Spiegel schaute ihn eine unbekannte Frau an. Sogleich wurde ihm klar, dass es die Frau war, mit der er unbewusst immer schon zusammen durchs Leben gehen wollte. Die Frau sah ihn an und lächelte. Es war so überraschend, dass er sich die Augen rieb und wieder in den Spiegel sah. Doch da war kein Gespenst, er sah die Frau wirklich und ganz deutlich. Er wollte sie schon fragen, wer sie sei, als es an der Tür klopfte. Das Frühstück wurde gebracht. Er schaute wieder in den Spiegel. Doch die Frau war verschwunden. Obwohl das Frühstück appetitlich aussah, trank Hans nur Kaffee und fuhr zur Messe.
Auf der Messe war alles wie immer: die gleichen Besucher, die gleichen nackten, halbnackten, schick gekleideten Frauen und Männer, verschiedene Sexvideos und Zeitschriften, eine riesige Menge an Dingen zur Selbstbefriedigung. Hans bummelte auf der Messe herum, begrüßte reserviert Kollegen, selbst Udo konnte ihn nicht erheitern. Er dachte nur an die Frau aus dem Spiegel.
Er fuhr ins Hotel und ohne sich auszuziehen, lief er zum Spiegel. Die Frau schaute ihn traurig wieder aus dem Spiegel an und sagte stumm etwas. Das Telefon klingelte plötzlich und die Frau verschwand.
Es war Nina, die anrief: „Du brauchst nur alleine zu verreisen und schon vergisst du mich“, sagte sie beleidigt.
Hans wusste nichts zu erwidern. Er hatte tatsächlich nicht mehr an sie gedacht, versprach dann aber, übermorgen zurück zu kommen. Ihm fiel es schwer, ihr zum Abschied zu sagen: „Ich liebe dich“, was in der Regel sowieso nicht viel bedeutete und hängte den Hörer auf.
Sein Leben veränderte sich von diesem Moment an in seltsamer Weise. Noch gestern hatte er geglaubt, dass er Nina liebe. Die Situation war schrecklich. Es gab keine Menschen, mit denen er hätte darüber sprechen können, denen er vertrauten könnte. Unter Menschen wollte er nicht sein, konnte aber nur schwer alleine bleiben.
Am nächsten Tag wurde der Name des besten Schauspielers verkündet. Der Saal war überfüllt. Eine Frau und ein Mann aus der Jury sagten: „Als den besten Sexschauspieler haben wir Roger Martin, alias Hans Braun, ausgewählt! Zum Millennium entschloss sich die Jury auch einen neuen Titel einzurichten: Das Sexsymbol des Planeten Erde (gekürzt SPE). Mit diesem Titel wird eine Frau oder ein Mann ausgezeichnet, die nicht nur beim Publikum beliebt sind oder nur wegen ihrer besten Darstellung. Diese Person soll auch hoch moralisch sein. Als den ersten SPE haben wir daher Roger Martin benannt! Er ist nicht nur ein wunderbarer Pornodarsteller, er ist auch ein hoch moralischer, treuer Ehemann! Er liebt seine Frau und hat sie niemals in seinem Gefühlsleben betrogen. Wir betonen – in seinem Gefühlsleben. Sie alle kennen gut die spezifischen Seiten unseres Fachs, wo körperlicher Betrug keine Rolle spielt, wir machen das nur, um Geld zu verdienen.“
Das Publikum war begeistert, applaudierte laut und skandierte: „Roger! Roger!! Roger!!!“
Hans bekam eine Statue, eine Kopie der weltberühmten Statue „Der Kuss“ von Rodin. Diese Statue zeigt einen Mann, der eine Frau mit der Hand umarmt, die zwischen seinen Beinen wuchs. Dazu erhielt er auch ein Auszeichnungsdiplom.
Er kam in der Nacht nach Hause. Nina ist wach geworden, Hans aber sagte ihr, dass er müde sei und schlafen wolle. Am frühen Morgen nach dem Jogging berichtete er Nina von der Messe, sagte, dass er schlechte Laune habe, und ging spazieren.
Er war sehr unaufmerksam und als er eine Strasse überqueren wollte, wurde er beinahe von einem Auto überfahren. Aus dem Auto stieg eine erschrockene Frau und begann sich zu entschuldigen. Er erkannte sie sofort: Das war die Frau aus dem Spiegel. Das war so unerwartet, dass Hans nicht wusste, was er tun sollte. Dann lächelte er ihr zu und lud sie zur Versöhnung zum Kaffee ein. Sie wollte die Einladung zuerst ablehnen, stimmte dann aber zu. Sie erzählte ihm, dass sie Magda heiße, in einem Büro arbeitete und keinen festen Freund hatte. Hans schlug vor, sich am Abend wieder zu treffen. Magda hatte nichts dagegen, Hans hatte ihr gut gefallen. Nach einem kurzen Spaziergang, nachdem sie zu ihr gekommen waren, sagte Magda, das einzige, was sie beim Sex akzeptiere, sei die französische Liebe.
„Die französische Liebe! Endlich habe ich die verwandte Seele gefunden“, dachte Hans. „Sie ist auch eine Frankophilin.“
Hans und Magda trafen sich in einem Hotel und waren glücklich. Sie beschlossen, ihre Beziehung geheim behalten, weil sie eine Nichte des einen vatikanischen Erzbischofs war und er, weil er Respekt zu seiner Frau behalten hatte.
Es ist völlig unklar, warum diese Liebesart „französisch“ genannt wurde. Vielleicht ist sie von Menschen so genannt, die Franzosen gar nicht liebten. Oder sehr liebten. Es ist bekannt, dass sie in der Antike verbreitet und geliebt war. [All About Sex., vol.1, Ed. Wilson & Co., N.Y. 2002].
Aber Hans' Lebensänderung entging Udo nicht. Dieser dachte immer, dass das Schaffen von Hans makellos und vollkommen war. Jetzt aber bekam er tragische Tiefe.
Nina hatte in einem Café gesessen und über ihr unglückliches Leben nachgedacht.
Sie war mit Hans schon etwa seit fünf Jahre verheiratet, als Hans Handwerker bei Mercedes und sie als Sekretärin in einem Büro arbeiteten. Irgendwann hatte Hans sich entschlossen, sich als Pornodarsteller vorzustellen und hatte großen Erfolg. Nina war nicht dagegen. Gute Arbeit muss nun mal gut bezahlt werden‚ 'Geld riecht nicht', sagte der römischer Imperator Vespasian und besteuerte die öffentliche Toiletten, und Hans verdiente gut. Aber mit der Zeit war Nina unglücklich geworden. Sogar ihren Freundinnen, Damen aus gutem Hause und reichen Familien, konnte sie nicht erzählen, dass ihr Mann Pornostar war. Die Freundinnen hätten sie nicht verstehen können. Als sie sie baten, sie mit ihm bekannt zu machen, sagte Magda, dass ihr Mann bei der Europäischen Kommission in Straßburg arbeite, nur samstags und sonntags nach Hause kommen könne, und sie dann diese Zeit zusammen verbringen wollten. Die Freundinnen fanden das romantisch.
Traurig trank Nina ihren Kaffe, als sie plötzlich einen begehrlichen Blick auf sich gerichtet fühlte. Sie sah einen jungen Mann, der sie anstarrte. Er war nicht reich, das sah sie sofort, aber schien ihr sympathisch zu sein. Sie lächelte ihm zu. Er setzte sich zu ihr, sagte, dass er Mario heiße, Italiener sei, in seiner freien Zeit gerne male und sich ohne Freundin langweile. Als Mario sie zu sich einlud, war Nina sofort einverstanden. Er war zärtlich, leidenschaftlich, Nina war begeistert. Sie trafen sich von nun an oft, wenn Hans im Pornostudio beschäftigt war.
Mittlerweile erzählte Nina Mario über sich und ihr Leben.
„Ich bin sehr unglücklich. Es ist schrecklich, einen Mann, der Pornostar ist, zu haben. Ich vertraue ihm nicht mehr, ein Pornodarsteller kann nicht treu sein. Jeden Tag betrügt er mich mit seinen Arbeitskameradinnen, zumindest körperlich, er umarmt mich mit den gleichen Armen, womit er noch eine Stunde zuvor sie umarmte. Ich sage nichts über Sex, der mir schon unerträglich geworden ist. Ich denke, wenn ich krank würde, verlässt er mich sofort".
Mario beruhigte sie kniend und ihre Hände küssend.
Nachdem Hans nach Berlin abfuhr, fühlte Nina sich befreit. Sie hatte endlich ihren großen Traum verwirklichen könnten und Mario zu sich eingeladen, um im Ehebett zusammen zu übernachten. Sie rief auch nach Berlin an, um sicher zu sein, dass Hans noch da war und erst in zwei Tagen zurückkommen würde.
Ein Verdacht von Hans' Untreue war in ihr aufgestiegen, als er aus Berlin zurückgekommen war. Er wurde Nina gegenüber zurückhaltend, war nachdenklich, erfüllte seine eheliche Pflicht selten und ohne Lust. Nina entschloss sich, Hans zu verlassen, aber vorher wollte sie Beweise seiner Untreue bekommen. Dann könnte sie sicher bei der Scheidung viel Geld von ihm bekommen, Mario heiraten und wieder glücklich leben. Sie hatte aber keine Ahnung, wie sie an irgendwelche Beweise kommen könnte, entschloss sich dann, ihren Schulfreund Otto anzurufen, der Leiter der Kripo war.
Der Arbeitstag begann für Otto, den Leiter der Kripo, wie üblich. Er wachte vor dem Klingeln des Weckers auf, duschte und rasierte sich, frühstückte in der Küche, nahm die Tasche, die ihm seine Frau schon fertiggemacht hatte und fuhr ins Polizeipräsidium.
Im Polizeipräsidium ging er zuerst in die Garderobe, um sich umzuziehen, aber die Tür war geschlossen. Nach ein paar Minuten kam eine große Schönheit heraus.
„Lucie, du bist eine Kokette, schon wieder hast du neue schöne Titten“, sagte er.
„Bin ich nicht“, sagte sie beleidigt. „Meine alten waren schon platt geworden und sahen nicht schön aus. Meine Frau hat mir gesagt, es ist unmöglich, sie immer noch aufzusetzen, und ich kaufte mir diese, sie sind teuer, aber schön und mir, und auch meiner Frau gefallen sie gut.“
Otto beeilte sich mit seiner Garderobe, der Arbeitstag musste schon beginnen. Er zog einen hellgrünen Blazer und rosa Hosen an, setzte eine Perücke auf, schminkte Lippen und Augen und ging zu seinem Arbeitsplatz. Alle seine Untergebenen waren schon da, schön gekleidet, in farbigen Kleidern, Perücken, fein geschmückt, nach verschiedenen Vorlieben und Geschmäckern. Otto war zufrieden und wollte schon die angesagte Sitzung beginnen, als das Telefon klingelte.
„Ja ... guten Morgen, Herr Minister... Jawohl, Herr Minister... Alles geht nach Plan... Jawohl, Herr Minister, aber die Bewohner akzeptieren uns wohl, ihnen hat gefallen, dass wir wie Frauen aussehen, sie dachten zuvor, dass in der Kripo Frauen arbeiten. Jetzt ist ihnen alles klar und die Bewohner sind zufrieden, unsere Kleidung gefällt ihnen wohl. Wir leben doch in einem freien Staat, jeder kann sich anziehen, wie er will... Um Gottes willen, Herr Minister, es gibt unter uns keine Schwulen. Wie alle echten Katholiken haben wir entweder Frauen oder Freundinnen. Ja, ehrlich gesagt, es war bei der Kripo einmal ein Schwuler, ein Protestant. Er wollte keine Frauenkleider anziehen, weil er ein echt aktiver Schwuler war. Er sagte, dass es seine Männlichkeit beleidige. Nachdem es uns bekannt geworden war, wollten wir mit ihm nicht zusammen arbeiten, und ihm wurde ihm sofort gekündigt... Jawohl, Herr Minister, vielleicht habe ich mich unklar ausgedrückt. Sicher ich bin kein religiöser Fanatiker, für mich sind alle Religionen gleich... Jawohl, Herr Minister... Hauptsache, Sie sind mit unserer Arbeit zufrieden... Auf Wiederhören, Herr Minister. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“
Otto schaute seine Untergebenen an. „Nun, Mädels, ihr habt alles mitgehört. Jetzt berichtet über den vorigen Tag und dann los!“
Otto wollte schon anfangen zu arbeiten, als das Telefon wieder klingelte.
„Ja... Guten Morgen Nina! Ich habe dich doch gebeten, mich nicht im Polizeipräsidium anzurufen... Was, sehr dringend? Schon gut, treffen wir uns um neunzehn Uhr in der Kneipe gegenüber dem Polizeipräsidium.“
Nina kam aufgeregt in die Kneipe und erzählte Otto von ihrem Verdacht.
„Du musst mir helfen. Du bist mein einziger Freund, ich habe niemanden, dem ich vertrauen könnte. Du bist ein sehr guter Detektiv. Nur du kannst das machen. Aber ich bitte dich, niemandem ein Wort zu sagen, mach alles selbst“.
Schweren Herzens willigte Otto ein, ihrer Bitte nachzukommen.
Inzwischen war die Urlaubszeit gekommen. Otto und seine Frau hatten sich entschieden, den Urlaub auf einer Insel im Atlantik zu verbringen.
Otto tat gewohnheitsmäßig Büstenhalter, Kleider, Perücken, Schmuck und Kosmetik in seinen Koffer.
„Bist du verrückt geworden?“, schrie seine Frau. “Du fährst doch nicht ins Polizeipräsidium, sondern in Urlaub. Mach dich nicht lächerlich. Ich will nicht, dass die Leute sich über dich lustig machen.“
Bedauernd, nahm Otto die Lieblingskleider aus Koffer heraus.
Das Wetter der ersten Urlaubswoche war schön, aber dann wurde es windig, und Nebel bedeckte die Insel. Otto langweilte sich und sagte, er wolle spazierengehen.
Es war sehr nebelig und dunkel draußen. Der Nebel verdichtete sich und verwandelte sich in eine Frau. Das war die Frau, wie Otto sofort begriff, von der er sein ganzes Leben geschwärmt hatte, obwohl er immer dachte, dass er seine Frau liebe.
Seine Frau war wirklich nett und dazu eine gute Köchin. Zu Hause wartete sie abends auf Otto mit leckerem Essen in ruhiger Hausatmosphäre. Des Nachts teilte er das Bett mit der treuen und ergebenen Ehefrau. Dazu war er in der Polizeistation sehr beschäftigt und hatte keine freie Zeit, um seine Frau zu betrügen. Um ganz ehrlich zu sein, zwei oder drei Mal fand er die Zeit dafür, es war aber keine feste Beziehung gewesen, nur kurze Perioden am Rande seines Ehelebens. Jedesmal hatte er auch die Zeit gefunden, um sich die Sünden in der Kirche vergeben zu lassen.
Als Otto die Frau aus dem Nebel sah, war er erschrocken, erschüttert und entzückt zugleich. Er wollte schon schreien: ‚Tschur, tschur, das Kind’, wie der Zar Boris im fernen Russland einst schrie, aber der Nebel verschwand und damit die Frau.
Nach dem Urlaub kam Otto schlechtgelaunt zurück, war nervös geworden und schrie seine Frau und Untergebenen an, was er sich früher nicht erlaubt hatte.
Einmal begegnete Otto ihr, der Frau aus dem Nebel, auf der Straße. Mit klopfendem Herzen ging er auf sie zu, gestand, dass er sie gern habe und lud sie zum Abendessen ein. Sie antwortete, dass sie keine Zeit habe und ging fort. Ein paar Tage später traf er sie wieder und schlug vor, mit ihm zusammen in ein Restaurant zu gehen und kniete vor ihr nieder. Sie schaute auf ihn hinab und sah unter seinem Hemd einen Büstenhalter mit künstlichen Brüsten. Es wirkte auf sie so komisch, dass sie laut lachte und mit einem Taxi wegfuhr.
In der gleichen Nacht erlebte Otto einen Traum. Er war in der Wüste und traf einen alten Mann, der an der Leine einen Hund zog. Otto betrachtete den Hund und ihm war sofort klar, dass es kein Hund war, sondern die Frau aus dem Nebel. Er wollte sich schon für sie einsetzen, als sie sich in eine Hexe verwandelte. Otto wachte in kalten Schweiß gebadet auf.
Hiernach drehten sich die Ereignisse wie in einem Kaleidoskop.
Mario erzählte Nina einmal eine merkwürdige Geschichte.
„Ich war alleine zu Hause und bekam den unüberwindlichen Wunsch, zu malen. Als ob eine höhere Gewalt meine Hand lenkte, malte ich das Bildnis einer Frau, die ich niemals zuvor gesehen hatte. Es war schon dunkel geworden. Ich wollte das Licht einschalten, aber die Wohnung war von blauem Licht erleuchtet und eine Frau in einer weißen, langen Bekleidung erschien. Sie sagte: ‚Du hast das Bildnis der Frau gemalt, mit der Hans die arme Nina betrügt’. Ich bin ganz sicher, das war die heilige Jungfrau Maria.“
Nina traf sich mit Otto, erzählte ihm die Geschichte und zeigte das Gemälde von Mario. Otto erkannte sofort die Frau seines Traums. Er war beleidigt und eifersüchtig.
„Warum zog sie Hans vor, nicht mich. Er ist doch Pornostar und bedient nur unständige Leute, ich aber bin Polizist und helfe meinen Bürgern. Leben, warum bist du so ungerecht?!“
Mittlerweile fuhr Mario nach Italien in Urlaub. Nach einer Woche rief er Nina an und sagte: „Ich bleibe für immer in Neapel und komme nie wieder zurück. Das Leben in Italien ist lustiger, das Klima wärmer und die Frauen sind schöner.“
Nina war untröstlich und weinte tagsüber. Hans merkte aber nichts. Er war in Magda verliebt und konnte nur von ihr träumen und an sie denken. Er fühlte sich glücklich.
Doch Magda war inzwischen schon eine ganze Woche von einem finsteren Vorgefühl bedrückt. Es gab keinen Grund dafür, sie liebte Hans, und Hans liebte sie. Trotzdem fand sie keine innere Ruhe. Einmal kam sie früher als er ins Hotel und wurde sich überraschend bewußt, dass ihr Leben sündig sei: Sie liebte einen verheiraten Mann, der noch dazu ein bekannter Pornostar war. Sie entschloss sich, sich von Hans zu trennen.
Die nachfolgenden wissenschaftlichen Forschungen zeigten, dass die Folge dieser Entscheidung darin lag, dass die Seele der heiligen Brunhilde in die von Magdas Körper übergesiedelt war. Brunhilde war die Frau eines Ritters, der in Kreuzzügen getötet worden war. Nach dem Tode ihres Mannes war Brunhildes Benehmen nicht gerade hochmoralisch gewesen. Als sie schon nicht mehr jung war und ihre Schönheit ganz verloren hatte und damit ihre Liebhaber (es waren nur Anhänger der Antiquitäten übrig geblieben), näherte sie sich wieder der christlichen Religion und ging in ein Kloster, wo sie die Zeit fromm verbrachte. Nach dem Tod wurde sie heilig gesprochen. Lange Zeit irrte ihre Seele im All umher, um in einen anderen Körper überzusiedeln. Ihr war ein neugeborener Junge als Erinnerung an ihren gestorbenen Mann lieber, aber sie konnte niemand Passenden finden. Endlos in dem eiskalten All herum zu wandern, war ihr nicht mehr erträglich, und sie übersiedelte mit großen Vergnügen in den Körper eines Mädchens, eine Nichte eines vatikanisches Erzbischofs.
Nachdem ein glücklicher Hans im Berghotel mit einem Strauss roter Rosen angekommen war, sagte Magda ihm kalt, dass sie sich von ihm trennen wolle. Hans dachte zuerst, dass es ein Witz sei, aber Magda sagte deutlich, dass es ihr Ernst sei, und sie machte mit ihm Schluss. Hans konnte nichts verstehen, fragte nach Gründen, beschwor sie, aber alles war vergeblich. Schwankend verliess er das Hotel.
Ein grandioser Skandal brach aus. Obwohl alle bundes- und weltweiten Zeitungen und Zeitschriften mit Leitartikeln über das Leben von Hans und Magda gefüllt waren, den größten Erfolg hatten die Fernsehprogramme. Da konnte man nicht nur Hans und Magda sehen, sondern berühmte Spezialisten des ersten Fernsehprogramms lehrten auch ein Mal pro Woche, wie man die französische Liebe richtig machen solle. Obwohl die Sendungen sehr beliebt waren, eröffneten in Berlin und Hamburg zwei Schulen, deren Lehrer behaupteten, dass nur in ihrer Schule die französische Liebe richtig gelehrt werde, und Vertreter anderer Schulen und das erste Fernsehprogramm wurden in den Dreck gezogen. Anderer Meinung war das zweite Fernsehprogramm. „Was machen sie eigentlich?“ fragte ein Moderator pathetisch in einer Sendung. „Französische Liebe, so etwas kann nur den Franzosen einfallen, die Frösche essen. Durch die Französische Liebe kann doch kein Kind zu Welt kommen. Fragen Sie einmal Ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, ob sie je französische Liebe praktiziert hatten. Ich garantiere, sie werden Ihnen antworten: Niemals“. Es kam zu Demonstrationen und Zusammenstössen zwischen Anhängern und Gegnern des Ersten und Zweiten Programms. Die Polizei musste Wasserwerfer gegen Demonstranten einsetzen.
Bald verbreitete sich die französische Liebe weltweit.
Doch bedrohliche Nachrichten kamen nicht nur aus Europa und den USA, wo diese Sexvariante am beliebtesten war, sondern auch aus Asien und Afrika. Weltweit ging die Anzahl an Nachwuchs katastrophal zurück. In einem asiatischen Staat, der erfolgreich mit der großen Geburtenzahl erfolgreich kämpfte, war schon mehrere Jahre kein Kind zur Welt gekommen. Futurologen prophezeiten eine ökonomische und politische Weltkrise wegen Mangels an Arbeitskräften und militärfähigen Menschen. Die einzigen, die damit zufrieden waren, waren die Pazifisten. Wenn kein Nachwuchs zu Welt käme, könnte man niemanden rekrutieren, es gäbe keine Armee, Kriege hörten von selbst auf, und auf der Erde träte Frieden ein.
Aber mit den schwierigsten Problemen war die Leitung der Berliner Sexmesse konfrontiert. Niemand war in der Lage zu entscheiden, ob man Hans Braun, alias Roger Martin, den Titel des SPE lassen konnte. Es wurde eine Moralkommission gegründet, die alles klarstellen sollte. Zu der Sitzung wurden Otto und Nina als Zeugen eingeladen. Otto kam in einer gelben Bluse und in einer violetten Hose, die seine behaarten, muskulösen Beine nur halbwegs bedeckte. Die Mitglieder der Kommission waren empört. Einer von ihnen sagte, dass solch ein Zeuge eher nach St. Pauli in Hamburg passe als in die Moralkommission und wies ihm die Tür. Nina kam in einem schwarzen, fast Trauerkleid, sagte, dass sie Hans vergeben habe, als Ehemann sei er immer gut und sorgsam gewesen, auch würde sie ihn immer noch lieben. Die Moralkommission entschloss sich, Hans den hohen Titel des SPE zu lassen und ihm nur eine Verwarnung auszusprechen.
Hans dankte der Moralkommission, küsste Ninas Hand, setzte sich ins Auto und fuhr in Richtung Paris davon.
© Text: Devid Kesler

