Die Kurzgeschichte
GRACIA, DIE HEXE basiert
auf einer wahren Begebenheit.
Wie kann ein Studentenstreich
das Leben eines Menschen
beinahe in eine Krise stürzen?
Carlos Moss, geboren 1946
in Kolumbien. Journalist,
Universidad de América de
Bogotá. Zusammenarbeit mit
Radiosendern, Zeitungen und
Zeitschriften in Kolumbien und
Venezuela. Er ist jetzt Rentner
und lebt in Hannover. Er schreibt
gerada an einem Roman und
beschäftigt sich mit
lateinamerikanischer Musik.
Carlos Moss
GRACIA, DIE HEX
(Erzählung aus Kolumbien)
Nachdem ich meinen Militärdienst als Abiturient an der Escuela de Caballería in Bogotá absolviert hatte, begann ich an der Universität zu studieren. Ich war optimistisch und voller Elan. Der Militärdienst hatte mich stärker und selbstsicherer werden lassen. Außerdem konnte ich dort vielfältige Erfahrungen sammeln, für die ich noch heute dankbar bin.
Ich begann mein Studium mit einundzwanzig Jahren im Jahr 1969. Seit meiner Kindheit fühlte ich mich der Literatur und der Druckkunst zugetan. Ich zweifelte nie an meinen Plänen und so schrieb ich mich an der Fakultät für Medienwissenschaften und Journalismus ein.
Ich besuchte den Abendkurs, der um sechs Uhr begann und um elf Uhr am Abend endete. Wir waren eine Gruppe junger Leute voller Enthusiasmus und Unternehmungslust. Die meisten haben gearbeitet, um das Studium zu finanzieren. Ich lebte von dem »Gehalt«, das mir meine Mutter jeden Monat schickte. So konnte ich frei über den Tag verfügen und schlenderte mit meinen langen Haaren, meinen Jeans und meiner geliebten schwarzen Lederjacke durch das Viertel Chapinero oder über die Avenida Séptima. Von meinen Freunden wurde ich auch »Mister Leder« genannt.
Unter den Studentinnen, die in der Mehrzahl waren, stach eine durch ihre Spitzzüngigkeit heraus. Sie hieß Gracia. Ihre Haut war braun, ihre feinen und schwarzen Haare reichten ihr bis zur Taille und sie hatte eine klare Stimme voller Energie und Humor. Sie war hübsch und selbstbewusst. Was sie jedoch als eine besondere Person ausmachte, war, dass sie sich selber für eine Frau mit magischen und übernatürlichen Kräften hielt. In einem Vorlesungssaal hatte jemand einmal gesagt, dass sie eine gute Reporterin werden würde. Sie konnte das Wetter oder Nachrichten, wie z. B. Katastrophen, vorhersagen. Viele nahmen ihre Fähigkeiten jedoch nicht ernst und verspotteten Gracia. Nach und nach gewann sie die Herzen von allen und wurde zur Wahrsagerin zunächst in unserer Gruppe und schließlich für die ganze Fakultät. Für ein Glas Wein oder eine Schachtel Zigaretten bot sie ihre Dienste an.
Wir sind alle neugierig auf das, was die Zukunft uns bringt. Dank dieser Schwäche gibt es Scharlatane, Satane, Messias, Hexen und andere spirituelle Ratgeber. Auch ich hatte diese Neugier. Es kostete mich nichts und ich hatte nichts zu verlieren. So bat ich Gracia, mir die Zukunft aus der Zigarettenasche zu lesen. Sie antwortete voller Enthusiasmus: »Aber klar doch, nicht nur aus der Zigarettenasche, aus dem Kaffeesatz, aus den Karten! Ich lese dir die Zukunft, woraus immer du willst.«
Ich beschloss, sie in mein Appartement einzuladen, welches ich mit anderen Studenten teilte, und wir verabredeten uns für eine Sitzung im Anschluss an den Unterricht.
Wir waren alleine. Wir setzten uns gegenüber. Ich zündete mir eine Zigarette an und rauchte sie mit tiefen Zügen, wobei ich sorgfältig darauf achtete, dass keine Asche herunterfiel. Gracia schaute mir mit ihren dunklen Augen tief in die Augen. Ich fühlte mich wie im Bann einer Indianerin vom Amazonas. Ganz vorsichtig nahm sie meine Zigarette, drehte sie hin und her und untersuchte ihr Inneres. Ein kleiner Rauchfaden zeichnete Spiralen in die Luft und eine kleine Glut übermittelte nun sicherlich, was die Zukunft mir bescheren sollte. Gracia begann Geschichten von Liebe und Leid, von Erfolgen und Misserfolgen zu erzählen. Ich fühlte mich nicht sehr überzeugt, denn wir alle durchlaufen, auch ohne Hexen zu befragen, diese und ähnliche Phasen im Leben. Schließlich legte sie den Zigarettenstummel in einen Glasaschenbecher und sagte, dass sie meinen inneren Antrieb, meine Körperschwingungen und meine Energie herausfinden wolle. Wir beide waren allein in einem ruhig gelegenen Raum der Universität. Sie nahm meine Hände und ihre Berührung elektrisierte mich. Wenn man jung ist, ist jeder Ort geeignet sich zu lieben. Ich hatte gehört, dass sich in dieser Zeit ein Liebespaar auf dem Rücken eines Kamels in der Wüste der Sahara geliebt hatte und daraufhin im Gefängnis gelandet war. Für einen Moment sah ich auf das Pult des Professors und stellte mir vor, dass es dort sehr viel angenehmer sein müsse.
Gracia war eine emanzipierte und auch keine einfache Frau. Es war die Zeit der Powerflower-Bewegung und der freien Liebe.
Gracias Hände waren weich und warm. Ihre langen wohlgepflegten Nägel folgten den Linien in meinen Händen. Wir hatten uns bis auf wenige Zentimeter einander genähert und so konnte ich, während sie sprach, ihren warmen Atem spüren. Schließlich, nach einigen langen Sekunden warf sie den Kopf zurück, runzelte die Stirn und sagte in ernstem Tonfall: »Deine Lebenslinie ist sehr kurz und voller Verästelungen. Du wirst eine Krankheit bekommen oder einen schweren Unfall haben.«
Sie machte eine kurze Pause, um dann fortzufahren: »Mein Freund, du wirst nur vierzig Jahre alt werden. Deine Lebenslinie endet in der Mitte deiner Hand.«
Gracia sah mich traurig an. Sie streichelte meine zitterigen Hände. Ich wusste nicht, ob meine Hände zitterten, weil sie in meiner Nähe war oder aufgrund jener unheilvollen Voraussage.
Ich fragte sie: »Ist das dein Ernst?«
»Das steht in deinen Händen.« Lächelnd fügte sie hinzu: »Du brauchst nicht zu erschrecken. Jedem Menschen ist sein Schicksal in die Hände geschrieben. Dort steht zu lesen, was ihm in seinem Leben passieren wird. Natürlich gibt es Ausnahmen und vielleicht bist du eine dieser Ausnahmen.«
»Dann muss die Lebenslinie von Jesus Christus sehr kurz gewesen sein, denn er wurde nur dreiunddreißig Jahre alt«, entgegnete ich.
»Möglicherweise«, antwortete sie.
Ich fragte Gracia, wo sie dies alles gelernt habe. Während sie ihre Nägel fest in meine Hände grub, erklärte sie mir, dass man dieses Wissen nicht aus Büchern lernen könne, sondern es eine besondere Gabe sei, die sie von ihrer Mutter geerbt habe.
Ich fragte sie, ob sie eine Hexe sei. Daraufhin brach sie in schallendes Gelächter aus. Sie stand auf, nahm ihre Bücher, gab mir einen Kuss auf die Wange und ließ mich alleine im Vorlesungssaal zurück.
Ich zündete mir eine Zigarette an und beobachtete sie genau. Mit jedem Zug wuchs die Asche. Ich betrachtete die winzige Flamme und dachte, dass es sich einzig und allein um das Leben einer Zigarette handelte. Ich ging in meine Wohnung. Ich wollte schlafen und das Gehörte vergessen. Ich war einundzwanzig Jahre alt, und somit noch zu jung, um an den Tod zu denken.
Etwa fünf Monate vor meinem Universitätsabschluss hatte ich nach einer Fiesta einen schweren Autounfall. Ich war dem Tode sehr nah. Als ich im Krankenhaus aufwachte, erblickte ich neben meinem Sterbelager einen Priester, der mich noch schnell von meinen Sünden erlösen wollte, um mich mit einer reinen Seele in den Himmel zu schicken. Mir wurde bewusst, wie schnell es gehen konnte, dass man von einem auf den anderen Moment in einem unbequemen Sarg liegt. Das Leben hängt definitiv an einem seidenen Faden.
Meine Genesung dauerte mehrere Monate und noch immer leide ich an den Folgen des Unfalls.
Ich machte meinen Abschluss an der Universität und arbeitete einige Zeit in meinem Beruf. Schließlich verließ ich endgültig mein Land, denn ich wollte die Welt sehen. Ich hatte Angst früh zu sterben.
Als ich meinen vierzigsten Geburtstag feierte, war ich verheiratet und hatte eine Tochter. Ich lebte Tag für Tag immer noch mit der Angst. Ich vertraute mich meiner Frau an und sagte ihr, dass sie sich in Gedanken darauf einstellen solle, dass ich in diesem Jahr sterben würde. Ich erzählte ihr von der Begegnung mit Gracia. Sie erklärte uns beide für verrückt. Dann tröstete sie mich, küsste mich und sagte mit leiser Ironie: »Zuerst sterbe ich.«
Ich feierte meinen fünfundvierzigsten Geburtstag. Da begriff ich, dass sich Gracia geirrt haben musste oder ich eine der Ausnahmen war, für die ihre Voraussage nicht zutraf. Ich war nicht sicher, ob ich sie hasste, aber ich wollte sie treffen, um ihr zu sagen, dass ich lebendig und quietschfidel war. Die Jahre vergingen und ich feierte immer noch jedes Jahr meinen Geburtstag.
Während einer meiner Besuche in Kolumbien, fuhr ich nach Bogotá, um sie zu besuchen. Ich erfuhr, dass Gracia das Land verlassen hatte und nie wieder zurückgekehrt war. Ihre letzen Spuren verloren sich in Spanien. Ich brachte die Adresse ihrer Mutter in Erfahrung und so besuchte ich diese. Mich empfing eine greise Frau mit langen weißen Haaren, die dieselbe Stimme hatte wie Gracia. Sie bat mich herein und ich betrat einen Raum, der geschmückt war mit unzähligen Heiligenbildern, Kruzifixen, kleinen Statuen, Amuletten, kleinen Flaschen mit seltsamen Substanzen und Kräutern. Es gab einen kleinen Altar und einige Kerzenleuchter. Der Geruch nach Weihrauch durchzog das ganze Haus. Sie bot mir einen schwarzen Tee an. Auf meine Frage nach Gracia antwortete sie mir: »Meine Tochter verstarb vor fünfzehn Jahren in Portugal, wenige Wochen nach ihrem vierzigsten Geburtstag. Sie arbeitete nie als Journalistin. Sie widmete sich ganz der Esoterik. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt auf die gleiche Art und Weise wie ich: Sie half Menschen bei ihren Problemen und spirituellen Bedürfnissen.«
Sie trank einen Schluck des bitter schmeckenden Tees, ging zu einem kleinen Wandbord und zeigte mir ein Foto von Gracia. Gracia hatte darauf eine knöchellange weiße Tunika an und, obwohl sie zugenommen hatte und ich einige weiße Strähnen in ihrem Haar bemerkte, war sie noch immer eine schöne Frau. Sie trug ein schwarzes Kruzifix und diverse Ketten mit Muscheln und Steinen um den Hals.
Die alte Frau schaute mir in die Augen und fuhr fort: »Wir sind Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Wir können die Zukunft, sowie die gute und schlechte Seite eines jeden Menschen und sogar eines jeden Tieres sehen. Die Geister des Himmels und der Hölle helfen uns das Gleichgewicht, das zwischen Gut und Böse besteht, zu bewahren. Die Geister und die Heiligen arbeiten für uns. So können wir uns nicht irren.«
Während ich all dies hörte, war ich nahe daran, die alte Frau zu nehmen, sie heftig zu schütteln und auf den Altar zu setzen. Die Voraussagen ihrer Tochter haben mich vor der mir bestimmten Lebenszeit beinahe umgebracht. Durch Gracia lebte ich ständig in einem Alptraum, mit dem Zweifel und der Angst. Und dies nur, weil meine Lebenslinie nur bis zur Mitte meiner Hand reichte.
Ich bin heute sechzig Jahre alt und möchte noch achtzig Jahre alt werden. Meine Lebenslinie möchte ich mindestens verdoppeln. Aber ich hoffe, ich werde meinen hundertsten Geburtstag feiern!!
© Text: Carlos Moss
Aus dem Spanischen übersetzt von Claudia Heidrich

