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kugelschreiber







Die Erzählung
DER BEICHTSTUHL ist ein
kleines Beispiel für den
Missbrauch durch die
katholischen Priester in
Lateinamerika.



Carlos Moss, geboren 1946
in Kolumbien. Journalist,
Universidad de América de
Bogotá. Zusammenarbeit mit Radiosendern, Zeitungen und Zeitschriften in Kolumbien und Venezuela. Er ist jetzt Rentner
und lebt in Hannover. Er schreibt gerada an einem Roman und beschäftigt sich mit lateinamerikanischer Musik.

Carlos Moss
DER BEICHTSTUHL
(Erzählung aus Kolumbien)




»Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht in die Kirche kommen sollst, und schon gar nicht, um zu beichten. Die Leute dürfen uns nicht zusammen sehen.«

»Pater, ich bin schwanger, im zweiten Monat – und Sie, Pater, sind der Vater.«

»Teufel!«

»Nein, Pater! Es war nicht der Teufel. Sie waren es, Sie selbst, mit genau dieser Soutane, Ihrer Glatze und den Sommersprossen auf Ihrem Po. Sie sind der Papa von unserem Kind.«

»Bist du dir dessen, was du sagst, sicher?«

»Ich habe die ärztliche Bescheinigung hier, wollen Sie sie sehen?«

»Zum Teufel! Wie konnte dies passieren? Bist du sicher, dass ich der Papa von diesem Embryo bin?«

»Embryo? So nennen Sie unser Kind?«

»Es ist noch nicht geboren.«

»Ich war noch Jungfrau als ich mit Ihnen geschlafen habe, und ich habe bis zu diesem Zeitpunkt keine andere Beziehung gehabt. Sie, Pater Ernesto, waren und sind der bisher einzige Mann in meinem Leben. Nie hat mir jemand Zuneigung entgegengebracht, denn ich bin keine hübsche Frau. Ja, ich bin hässlich, aber sauber und rechtschaffen. Ich habe mit Ihnen geschlafen, weil ich allein bin, arm, und weil mich niemand wahrnimmt.«

»Nein! Mach kein Theater! Fang jetzt bitte nur nicht zu weinen an. Hinter dir warten andere Gemeindemitglieder darauf, die Beichte abzulegen. Lass uns diese Angelegenheit später besprechen.«

»Nein und nochmals nein! Jetzt sofort werden wir reden oder ich rufe laut jedem zu, dass mich der ehrwürdige Pater Ernesto verführt und geschwängert hat und mich nun zum Teufel jagt.

»Psssssst! Beruhige dich! Beruhige dich! Du musst abtreiben! Ja genau! Und zwar sofort!«

»Was? Abtreiben? Was sind Sie, Pater Ernesto, nur für ein Geistlicher, der mir im zweiten Monat zu einem Schwangerschaftsabbruch rät?«

»Welch ein Skandal! Das wäre das Ende meiner Laufbahn als katholischer Priester. Welch ein Skandal! Das wäre mein Verderben. Nein, dies darf niemand erfahren! Aber wie konnte mir das passieren? Gerade jetzt, wo ich plane den Vatikan zu besuchen.«

»Sie fragen sich, wie es geschehen konnte? Ganz einfach Hochwürden: Mit Ihrer Sanftmut und Ihrer Freundlichkeit, Ihren ständigen Einladungen in Ihre Pfarrkirche und später in Ihr Appartement, mit Ihren kleinen Geschenken und Ihrer Milde haben Sie mich für sich eingenommen. Erinnern Sie sich, dass Sie mir einige Gläschen Wein einschenkten, mich zu Ihrem Bett trugen und …«

»Halt! Sprich nicht weiter!«

»…und wir liebten uns über Tage, Wochen und Monate. Erinnern Sie sich, dass ich mir gesagt habe, dass das, was wir zusammen lebten, keine Sünde sei und Gott es mit Wohlgefallen sehen würde?«

»Teufel!«

»Ja, ein Kind des Teufels! Warum bieten Sie mir keine Lösungen an? Was werden wir tun?«

»Was wir tun werden? Nun, du wirst diese Stadt sofort verlassen. Du verschwindest! Ich gebe dir Geld und helfe dir beim Aufziehen dieses Geschöpfes, jedoch du wirst von hier fortgehen!«

»Pater Ernesto, was ist aus der Liebe geworden, die Sie mir bekundeten? Sie sagten mir, dass Sie mich lieben würden. Sie sagten mir, dass ich alles für Sie sei, dass ich Ihr irdisches Paradies sei. Sie haben mich körperlich geliebt, mir wunderschöne Sachen gesagt und haben mich mit Zärtlichkeiten überhäuft und jetzt … Jetzt schicken Sie mich in eine andere Stadt, um zu gebären!«

»Ich habe keine andere Wahl. Ich bin immer noch ein katholischer Priester.«

»Dann legen Sie Ihr Amt nieder. Verkaufen Sie diese Kirche und alles was Sie haben. Wir gehen an einen anderen Ort, dorthin wo uns niemand kennt. Andere Priester haben dies getan und viele arbeiten jetzt als Lehrer. Sie könnten es genauso machen. Mein Kind wird einen Vater brauchen. Mit dem Verkauf dieser Kirche könnten wir …«

»Halt! Stopp! Warte! Wer hat dir gesagt, dass die Priester die Eigentümer der Kirchen sind? Die Eigentümer sitzen in Rom und auch die Soutanen sind nur eine Leihgabe.«

»Ernesto! Verzeihen Sie, Pater! Sie können mich nicht verlassen! Sie können mich in diesem Zustand nicht alleine lassen!«

»Teufel!«

»Pater!«

»Geh! Die Gemeindemitglieder, welche die Beichte ablegen möchten, sind schon unruhig.«

»Das ist mir egal! Ich bewege mich keinen Schritt von hier fort, bis ich nicht eine befriedigende Antwort erhalten habe.«

»Teufel!«

»Pater Ernesto, sagen Sie es mir, und schwören mir bei Gott: Lieben Sie mich oder wollten Sie sich nur für einen kurzen Moment mit mir vergnügen? Schauen Sie mir in die Augen! Ich bin eine junge Frau von nur fünfzehn Jahren, ich bin arm und erwarte ein Kind!«

– …… –

»Warum antworten Sie nicht? Nicht einmal dem besagten Teufel?!«

»Nein! Nein ich liebe dich nicht! Unsere Beziehung war ein rein körperliches Begehren. Die verzweifelte Sehnsucht ließ uns diese menschliche Berührung suchen, diese Wärme, die wir alle brauchen. Es ist der rein körperliche Trieb, es ist die Fleischeslust, die uns in Versuchung führt und uns an jene äußerste Grenze bringt … Es ist wahr, du bist nicht hübsch, aber du bist sympathisch und du hast ein entzückendes Lächeln … Dein Körper jedoch … ist heiß …, er ist verführerisch …, er entfacht selbst das Feuer der Hölle!«

»Dies soll heißen, dass Sie mich nicht lieben, … dass …«

»Nein, nein, fang jetzt hier nicht zu weinen an, bitte …«

»Sie haben mich benutzt, Sie haben mich verführt, Sie wollten nur Ihre sexuellen Triebe befriedigen – Sie, ein Mann Gottes, ein Mann von 55 Jahren!«

»Teufel! Genau, das ist das Problem! Wenn ich Bill Clinton wäre, hätte man mir verziehen und die Angelegenheit wäre vergessen. Ich aber bin ein Priester, ein Diener der Kirche, einer der lehrt und der ein moralisches Vorbild ist, jemand der Sünden vergibt! Das, was zwischen uns war, muss geheim bleiben!«

»Wie konnte ich mich durch Ihre schmeichelnden Worte nur so blenden lassen? Gewiss haben Sie es mit anderen jungen Mädchen genauso gemacht, und ich mag nicht wissen mit wie vielen noch …!«

»Du bist die einzige, die in anderen Umständen ist. Ich pflegte die Fleischeslust in Stundenhotels oder bei verzweifelten Ehefrauen, die Trost suchten, zu befriedigen. Ich will damit sagen, bei Frauen, die für mich kein Risiko bedeuteten.«

»Teufel!«

»Mach dich nicht lustig über mich! Und bitte, geh jetzt – sofort!«

»Sie haben mir nicht gesagt, was wir tun werden. Und was wird aus mir und meinem Kind?«

»Erstens: Du gehst jetzt sofort nach Hause. Zweitens: Gib mir drei Tage, um darüber nachzudenken und um das Geld aufzubringen. Drittens: Bitte behalte dieses Geheimnis für dich. Verrate mich nicht!«

»Drei Tage! Das ist alles? Und Sie werden mir nicht die Absolution erteilen?«

»Bete drei Vaterunser und drei Ave Maria. Die Absolution, meine Tochter, werde ich dir erteilen, wenn du das Geheimnis bewahrst und die Stadt verlässt.«

»Teufel!!!!!!!!«



© Text: Carlos Moss

Aus dem Spanischen übersetzt von Claudia Heidrich