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kugelschreiber
Renate Strohm
Das kurze, heftige Leben des Maxi S.


Ich will hier erzählen, wie sich ein winziges Kätzchen, erst 14 Tage alt, in das Herz und in das Leben von Jack – meinem Lebensgefährten – und von mir geschlichen hat!


Angefangen hat alles im Mai 2006.
Es war ein Samstag und herrliches Wetter, deshalb grillten wir: die ganze Familie S. und noch ein paar Freunde – im Garten. Jonathan verabschiedete sich als erster aus der Runde, es war gegen 18 Uhr. Zwei Stunden später rief er mich an: »Hey, Mam, willst du eine kleine Katze haben?« Jonathan hörte sich aufgeregt an. Nein! Eine Katze will ich auf keinen Fall. Und Jonathan entgegnete: »Dann wird sie an eine Schlange verfüttert.« Unglaublich, unvorstellbar für mich. Ich war ja schon immer im Laufe meines Lebens mit kleinen und großen Katzen konfrontiert worden. Auch meine beiden Jungs Jonathan und Johannes sind mit Tieren, vor allem Katzen, aufgewachsen. Ich konnte bei dieser Horrornachricht nur noch sagen: »Ja, dann bring uns das Kätzchen.«
Ich erzählte der Grillrunde empört von der kleinen Katze, die an eine Schlange verfüttert werden sollte. Johannes fing an zu lachen: »Mam, wie man dich bearbeiten kann, das glaubt doch keiner. Jonathan hat sich das ausgedacht, er kennt dich so gut, dass er weiß, wie du aus Mitleid sofort dem Kätzchen einen Platz anbietest. Eine Katze als Schlangenmenü, nein, das gibt es nicht!« Alle anderen lachen mit, und dann auch ich. So wird es wohl sein. Ein Kätzchen als Schlangenfutter, nein, das kann wirklich nicht wahr sein. Eine unglaubliche Erfindung, aber sie hat funktioniert. Morgen soll es hier ein kleines Kätzchen geben. Warten wir ab, was der sonderbare Anruf auf sich hat.

Sonntag also, ein Frühlingstag, wie er im Buch steht. Meine Gedanken sind aber immer noch bei Jonathans gestrigem Anruf. Wie wird das sein, eine Katze in unserer Wohnung, eigentlich will ich doch gar keine Katze mehr. Gegen 11 Uhr ist es soweit, unser neues Familienmitglied trifft ein. Ein Kätzchen! Überdimensional ist dieser Ausdruck für das, was Jonathan uns da bringt. Oh nein, es ist kein Kätzchen, es ist ein winziges, wirklich winziges Fellbündelchen. Ein Katzen-Baby! Es passt exakt auf meine Handfläche und es ist so herzig, so klein, so weich, so lieb, so einsam, so neugierig, so müde und so hungrig und wirklich winzig.

Das Pelzknäulchen, von jedem in der Runde in der Hand gehalten und bestaunt, landet wieder bei Jonathan, wo es sich in dessen Pullover gemütlich einrollt und schläft. Wir wollen nun wissen, wie er zu diesem kleinen Wesen gekommen ist.

Jonathan erzählt:

»Wie üblich am Wochenende treffe ich mich mit Freunden. Kaum bei diesen eingetroffen, schreit Sonja (die Freundin von Jonathan), die füttern der Boa kleine Kätzchen. Ich habe gar nicht weiter reagiert, weil ich es nicht geglaubt habe. Aber tatsächlich, ich traute meinen Augen nicht, im Terrarium bei der nicht grade kleinen Boa kauerte im Eck  in Todesangst ein kleines Kätzchen. Eins hat die Schlange schon gefressen, erzählt mir Sonja. Insgesamt waren es drei. Und das Dritte? Wo ist das Dritte? Das Dritte wird im anderen Zimmer von unseren Freunden gerade gestreichelt, bevor es auch als Schlangenfutter verwendet werden soll. Ich bin in einem falschen Film, dazu in einem schlechten, dachte ich und regte mich total auf. Getraute mich aber nicht, ins Terrarium zu langen und der Schlange das Opfer weg zu nehmen. Angst und Respekt vor der Boa hatten die Oberhand. Ging ins andere Zimmer, nahm den Männern, darunter Väter von kleinen Kindern, das dritte Kätzchen weg. Überrollte sie mit übelsten Beschimpfungen, die unterbrochen wurden durch den Todesschrei vom zweiten Kätzchen, das die Boa eben verschlang. Es regte mich dermaßen auf, dass ich jeden Einzelnen in der Runde beschimpfte, ihre Rohheit und Gleichgültigkeit anprangerte und ihnen mein Unverständnis deutlich zu verstehen gab. Konnte mich kaum beruhigen. Nacheinander, hoffentlich mit schlechtem Gewissen, verließen die Freunde kleinlaut die Runde und gingen heim. Auch der Besitzer der Schlange bekam noch einen heftigen Vortrag von mir zu hören. Ich telefonierte dann mit dir, Mam. Nahm das gerettete Kätzchen, verstaute es in der Tasche von meinem Pullover und ging mit Siggi woanders hin. Ich konnte auch noch Futter besorgen. Nachts hat das Kätzchen bei mir im Bett geschlafen und jetzt sind wir hier.«

Also doch! Keine erfundene Geschichte, wie die Grillrunde gestern angenommen hatte. Unglaublich. Schlangenfutter ist das Thema  des Tages und der folgenden auch . Das gerettete Schlangenfutter gehört jetzt uns. Wir haben ein Katzenbaby.
Jonathan erzählt, dass das kleine Wesen erst 14 Tage alt ist und noch gar nicht richtig trinken kann.
Um sich dieses winzige Katzenbaby besser vorzustellen, hier einige Daten: es wiegt 320 Gramm und misst inklusive Schwanz 8,5 cm. Schwanz ist nicht der richtige Ausdruck. Er sieht wie ein Dreieck aus und hat eine Länge von 1,5 cm. Sein Fell ist flauschig, weich und zart und schimmert hellgrau. Die Augenfarbe ist wasserblau, irgendwie suchend schaut es uns an. Dieses kleine, aber vollkommene winzige Geschöpf passt bequem in die Brusttasche  eines Oberhemds.

Ein Kätzchen wird normalerweise bis zu acht Wochen von seiner Katzenmama gesäugt und ins Leben eingeführt. Doch nun wurde es mir in die Hände gelegt und Jack und ich fühlen sofort eine Verantwortung für das hilflose kleine Kätzchen und wir müssen uns überlegen, wie wir ihm die beste Ernährung und Pflege geben können. Unser Einsatz ist gefragt! Wir besorgen das, was zu einer Babyausstattung dazugehört: Einen Schoppen, Milchpulver für Katzenbabys, einen Korb, Spielzeug. Ein richtiges Katzenbett mit Kissen und weichem Tuch bringt uns eine Freundin. Wir hatten keine Ahnung, dass es so etwas im Handel gibt. Auf das Kissen lege ich aus eigenem Fundus noch ein Hasenfell und darüber ein Tuch, das jeden Tag gewechselt werden muss, weil ja ein Baby noch ins Bett macht. Eine komplette schöne Schlafstätte. Das Hasenfell liebt unser Kätzchen vom ersten Tag an; es erinnert  vielleicht an seine Mama, weil es auch den  Milchtritt darauf übt.

Unser Leben mit dem kleinen Wesen beginnt. Man sagt, Katzen haben sieben Leben, waren zwei davon schon verbraucht? Beginnt nun das dritte Leben für das winzige Samtpfötchen?

 

© Text und Bild: Renate Strohm